Ja, nach einigem Nachdenken kam die Erkenntnis, dass ein Blog wahrscheinlich die beste und bequemste Möglichkeit sei, Interessierte zu informieren, was so abgeht in Südfrankreich. Jo, dann leg ich mal los.
Ankunft.
"Hätte besser losgehen können", fasst meine ersten Annäherungsversuche mit Frankreich wohl ganz gut zusammen. Nun ist es allgemein bekannt, dass 10-stündige Autofahrten bereits ihrer Natur nach eine eher unvergnügliche Sache sind. Da muss man halt durch. Na ja, angekommen, ausgestiegen, skeptisch die wenig ansprechende Optik unseres Wohheimes diskutiert, jetzt nur noch schnell den Schlüssel entgegennehmen und chillen - dachte man, und reihte sich ein in die Schlange der Schlüsselvergabe.
Viereinhalb Stunden später durfte man dann ein kurzes Formular ausfüllen, neben der eigentlichen Kaution drei (!) Monatsmieten zahlen und den Schlüssel entgegennehmen. Trostlos dann der lange erwartete Anblick des Zimmers. Klein, dunkel und schäbig halt. Nun ist Trostlosigkeit so eine Sache, mit der man sich noch arrangieren kann. Unangenehmer fiel der Uringeruch ins Gewicht, der einigen höchstverdächtigen Flecken in dem Kleiderschrank entwich. Außerdem war/ist der Sanitärbereich, bestehend aus einem Waschbecken und einem nicht funktionierenden Bidet (welcher junge, gesunde Mensch, der wenig Platz in seinem Zimmer hat, freut sich nicht über den Luxus eines Bidets!) mit einer Art versteinerter Zahnpasta-Masse dekoriert, die ebenfalls nur sehr geringfügig zum Wohlbefinden beizutragen vermag.
Einleben.
Ja, aber wie zahlreiche menschenverachtende Experimente der 60er Jahre oder so bewiesen haben: man gewöhnt sich an alles. Sehr schnell sogar. Dementsprechend wurde kurzerhand ein chemisches Gemetzel abgehalten, Bakterien vernichtet, Gerüche bekämpft, umgeräumt, geputzt. Man kann sagen, dass ich alles in allem die Schlacht gegen das Ekelzeugs gewonnen habe, wenn man von bereits erwähnter versteinerter Zahnpastamasse absieht. Na ja, und so lässt sich resümieren, dass ich zwar in einem kleinen Pissloch wohne, ich kann aber immerhin mit Stolz verkünden, dass es sich dabei um "mein" Pissloch handelt.
Umschauen.
Nächster Schritt: Umgebung kennenlernen. Ich möchte jetzt nicht gleich einen ganzen Roman schreiben, deshalb fasse ich micht kurz: Die Provence ist sauschön. Angefangen haben wir damit, den Berg "St. Victoire" zu besteigen, denn von da oben kann man sich ein ganz gutes Bild von der Situation machen (die Bilder zeigen die gleiche Gebirgskette einmal von relativ weit unten, einmal von oben). War echt mal satt, an so nem Ding rumzukraxeln, auf dem Weg die ganze Zeit wildwachsenden Rosmarin zu futtern und sich den Mistral um die Ohren wehen zu lassen. Leider sind von unserer Crew nur 3/8 oben angekommen, da wir zwischenzeitlich vom vorgesehenen Weg abgekommen waren und einige echt üble Passagen hinter uns zu bringen hatten (wo einem etwa in die Felswand eingeschlagene Haken in der Retrospektive subtil die Botschaft übermittelten, dass man den zurückliegenden Abschnitt nicht ohne Seil hätte klettern sollen).
Ja, ansonsten ist halt die zweitgrößte Stadt Frankreichs, Marseille, direkt vor der Tür und wurde dementsprechend schon mehrfach besucht, darüber hinaus gibt es viele kleine sehenswerte Dinger hier, wie Arles (bereits besucht), Avignon oder Nîmes (beide noch zu besuchen).
People are strange when you're a stranger.
Ja, es ist schon richtig: Viele Franzosen reagieren mit einer gewissen Verblüffung, wenn sie mit Leuten wie mir der personalisierten Erkenntnis begegnen, dass es eine Welt außerhalb Frankreichs und somit Personen gibt, die ihrer Sprache nicht mächtig sind. Und so musste man in den ersten Tagen auf jeden Fall durch einige Kommunikationshindernisse. Wichtig ist dabei, zumindest immer ein solches Sprachniveau zu halten, dass der französische Gesprächspartner keine zu starke Neigung verspürt, mit einem Englisch zu sprechen - denn das geht auf jeden Fall schief.
Na ja, in dem universitären Umfeld und dem Wohnheim läuft der Hase allerdings ein bischen anders, weil man daran gewöhnt ist, mit Menschen aus allerlei Nationen rumzuhängen. Und so ließen sich hier schon so einige echt vielversprechende Bekanntschaften machen, auf die ich an anderer Stelle sicher mal ein bischen tiefer eingehen werde.
Ansonsten lernt man am Anfang von solchen Geschichten halt immer eine unüberschaubare Masse von Menschen kennen, insbesondere weil unsere hiesige Fakultät einen beachtlichen Haufen von Auslandsstudenten beherbergt. Jo, und wenn man sich halt nicht im Wohnheim auschillt, begibt man sich schon das ein oder andere Mal auf die Pirsch mit der Erasmus-Partyreisen-GmbH. Auch in diesem Umfeld sind so einige vielversprechende Leute anzutreffen.
Studium.
So, zuletzt noch einige Takte zum Studium. "Papageien-Jura", meinte David (einer der Leute aus Tübingen) heute. Und das geht so: der Dozent hat ein Skript und überliefert dies in mündlicher Form den Studenten, auf das diese jenes wieder in eine möglichst wortgenaue Kopie in Schriftform versetzen. Methoden, Lehrbücher, Gesetzestexte? Nicht vorhanden.
Na ja, der anfänglichen Rebellion (fight the machine!) folgt nunmehr langsam aber sicher die nüchterne Erkenntnis, dass einem als Auslandsstudent einfach die nötige Zeit, Motivation und Authorität fehlt, hier in nächster Zeit eine bildungspolitische Revolution anzuzetteln. Dementsprechend fügt man sich und baut eine Infrastruktur von verschiedenen Skriptschreibern auf, die sich gegenseitig unter die Arme greifen.
So, ich denke, das war für den Anfang echt mal genug. Liebe Grüße und bleibt tapfer.
PS.: Bilder hochladen ist momentan etwas zu lahm, ich mach das bei Gelegenheit mal an der Uni.
6 Kommentare:
tz tz tz... und das wo du dich im Mutterland der Studentenrevolten befindest. Was sage ich? In dem Land in dem die Revolution erfunden wurde! Werde dem Erbe der Franzosen gerecht. Stürme die Leuchttürme der Bildung. Viva la revolución!
nee du, chill dich lieber...
Hey Julian,
Alter, super Artikel, weiter so!
Schön von dir zu hörn Mann und das hier zu lesen :)
Hab heut mein Examen rum & morgen wird endlich wieder geprobt, ich werd dich immer im Ohr haben! ;)
Lern mir auch ein paar Froschschenkelfresser kennen!
Cheers!
Schön von dir zu lesen, oh man in so einem Zimmer hätte ich wohl nich lange überlebt, aber na ja ich bin da wohl kein Maßstab :)
hier werde ich nun öfters mal reinluschern und wehe ich finde nicht ausreichende Berichte :)
Bis denne
Hey, das hört sich ja nach echter Putzarbeit an:-)Aber Hauptsache die Leute sind nett...Auf jeden Fall amüsant zu lesen.Viele liebe Grüße aus Hamburg, Anne
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