Hey, zugegeben, es ist mal wieder an der Zeit, hier ein paar Zeilen von sich zu geben. Das sag ich mir etwa seit zwei Monaten. Sorry dafür ;)
Résumé
Ich starte mal mit einer kurzen Zusammenfassung des bisherigen zweiten Semesters. Dieses begann recht angenehm, mit unwichtigen und gechillten Lehrveranstaltungen, gutem Wetter und so. Eine Ferienwoche wurde genutzt, um die Côte d'Azur, namentlich Nizza (dort war gerade Karneval), Saint Tropez und Cannes auszuchecken. Ist im Grunde genommen alles recht satt da, insbesondere in Hinblick auf die Natur und das – na ja – azurblaue Wasser. Stören tut die Tatsache, dass in der Gegend so ziemlich ausschließlich neureiche Snobs rumkrebsen und den Tag damit verbringen, aberwitzig überteuerte Gegenstände einzukaufen und Statussymbole zu vergleichen.
Zurück in Aix hatte ich dann die Freude, einige Besucher zu begrüßen, ergo zu feiern bis die Schwarte kracht. So nett das auch war (vielen Dank fürs Kommen nochmal!!) ist die Meute nicht gerade zu früh wieder abgezogen, weil das Semester kriechend stressiger und stressiger wurde . Dementsprechend hing man die meiste Zeit in seinem Zimmer rum, ärgerte sich über die schlecht ausgerüstete Universitätsbibliothek und ernährte sich von Kaffee.
Ein einziger Lichtblick und eine nette Anekdote war, dass unser italienischer Nachbar, Mattheus, gute Kontakte zu dem Präsidenten des Regierungsrates der Region (die so ziemlich den ganzen Südosten Frankreichs umfasst, vorher war der Typ Justizminister Frankreichs) pflegt und uns zu einer Einladung zu einem Stierkampf in Arles mitnahm. Arles (man berichtete) wurde extrem von der spanischen Kultur beeinflusst, allerdings konnte mir keiner der Einheimischen eine befriedigende Erklärung dafür liefern. Tja, dann hatten wir die zweifelhafte Freude zu sehen, wie sechs mindestens 500 kg schwere Stiere von drei Typen in tuckigen Kostümen hingerichtet wurden. Das läuft in etwa so: der Torrero tanzt ein bisschen um den Stier herum, dann kommt sein Team (vielleicht 10 Leute insgesamt) und einer von zwei Reitern bohrt mit einem Speer ein Loch in den Rücken des Viechs. In dieses Loch steckt der Torrero dann etwa sechs bunte Stöpsel mit Widerhaken, tanzt noch ein bisschen weiter um den Stier, nimmt schließlich ein Schwert und steckt es – so todesstoßmäßig halt – in das vorgefertigte Loch. Das funktioniert nicht immer, meistens verteilt der Stier noch einige Liter Blut auf dem Boden, bis ihm das zweite oder dritte Schwert schließlich den Rest gibt. Perfektes Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier: Ersterer zieht seine Show ab, letzteres stirbt. Macht der Torrero seinen Job besonders gut, winkt das Publikum mit weißen Handtüchern und der Schiedsrichter entscheidet, ob er dem Stierkämpfer nicht vielleicht die Ehre gewährt, sich ein oder gar zwei Ohren des Stieres abzuschneiden.
Barcelona und die Ruhe vor dem Sturm
Aktuell hänge ich anlässlich einer dringend notwendig gewesenen Ferienwoche in Barcelona rum. Wir haben uns in einer Herberge eingefunden, die von einem jüdischen Typen geleitet wird, der müde vom Geldmachen in Israel etwa vor einem Monat hier gestrandet ist und sein Ding durchzieht. Ist alles noch etwas vorläufig und inoffiziell, aber dennoch schon ne ganz satte Kommune. Zu erwähnen ist insbesondere etwa ein spanischer Mitvierziger, der viele Dinge so gut wie nie tut: zum Beispiel den Fuß vor dir Tür setzen, oder nüchtern sein. Dafür tapst er in Hochform nackt und verwirrt durch die Küche oder verwandelt das Bad mitten in der Nacht in einen See. Die Stadt an sich ist echt der Hammer. Sie schläft nie, irgendwo geht immer irgendwas. Es gibt einen Strand, massig Kultur, enorm geile Gebäude. Alles, was das Herz begehrt ist überall billig vorhanden – kurzum, hin da.
Na ja, das Leben hier geht noch bis Dienstag so weiter, dann beginnt in Aix meine Klausurvorbereitung. Also noch nen Monat ackern, dann bis August chillen, hoffe ich.
Jo, das muss erstmal reichen von meiner Seite. Fotos werden nachgereicht, bis bald.
Aktualisierung: Dunkle Seiten Barcelonas
Die Musik in dem Club gefällt mir schon seit mindestens einer halben Stunde nicht mehr. Die Motivation, zu spielen, als wäre das Gegenteil der Fall, ist vergangen. Ich gehe vor den anderen allein zurück in die Herberge; auf dem Weg gleitet meine Hand in die Hosentasche, in der sich etwa vierzig Euro befinden - nicht mein Portemonnaie, denn das wurde mir kürzlich gestohlen. Ich werde von ca. sieben Tunten [politisch korrekter Term in gegenwärtigem Geisteszustand nicht vorhanden] abgefangen. Dinge gehen schnell. Drei viel zu starke Hände an meinem Penis - die meinigen versuchen reflexartig sie abzuwehren, schließlich lassen die Typen mich in Ruhe. Zwei Meter später stelle ich fest, dass die vierzig Euro aus meiner Tasche verschwunden sind. "Verschwunden" ist vielleicht nicht der korrekte Term, denn ich könnte einen sehr kleinen Radius beschreiben, in dem sie sich befinden - dennoch sehe ich schnell ein, dass ich die Kohle nicht mehr wiedersehen werde.
Die Gruppe zersplittert sich. Ich folge dem einen Teil. Mein Appell an ihren guten Willen findet weiter entfernt lediglich bei einer viel zu jungen afrikanischen Prostituierten Gehör. Hübsch wie sie ist, schaut sie mich aus tiefen Augen an und versichert mir auf englisch ihr Mitleid. Ich glaube ihr. Und obwohl sie nicht ein einziges Mal über sich selbst redet, vermögen es ihre wenigen Worte, mein eigenes Leid innerhalb weniger Augenblicke zu relativieren.
8 Kommentare:
Geschmeidige Zustände im Mediterranen. So gefällt es mir!
Sei aber trotzdem mal ein bisschen öfter in ICQ. Am Horizont erscheinen die Zeichen baldiger Katastrophen. :)
Klingt vielversprechend!
Kann gerade nicht schlafen. Lese deinen Nachtrag. Der bewegt. Fühl dich von einem Freund umarmt.
Jo, also ich hab da ja nur ein bisschen Kohle verloren. Aber es ist auf jeden Fall schon krass, wieviel Kriminalität es gibt und wie voll die Straßen sind mit Leuten, die sich nicht anders zu helfen wissen, als Touristen zu beklauen oder ihren Körper zu verkaufen. Wollte halt einfach nochmal auf diesen Aspekt der Stadt hinweisen.
Insgesamt wurde dadurch der Eindruck sicher ein bisschen getrübt, dennoch ist und bleibt Barcelona eine lebendige, wilde, schöne und aufregende Stadt.
Wow, Junge Junge. Extrem harter Tobak der Nachtrag Oo Ich kann mich da Rush auch nur anschliessen.
Das erinnert mich allerdings fatal an die Worte eines spanischen Metalheads, den ich in Wacken traf, der auch aus Barcelona kam und meinte, er hasse sein Stadt für Verbrechen, Prostitution und Schmutz. :/
Halt dennoch die Ohren steif!
Hey Julian,
unschön das Ganze, bzw. das Letzte. Ich kann deinem Eintrag jetzt nicht so ganz entnehmen, wie schlimm das für dich war. Naja, ich hoffe halt einfach mal, dass alles halbwegs cool ist.
By the way, dein Fahrrad, bzw. das linke Pedal zeigt Auflösungserscheinungen, ich werds mal zu nem Fahrradonkel bringen.
Alles Gute
Jo, zur Aufklärung: Petete tat schon noch ein paar Stündchen weh nach dem Vorfall. Ist nicht weiter tragisch. Unangenehm bei solchen Begegnungen ist halt einfach das Ohnmachtsgefühl und die Erkenntnis, dass bei ihnen immer derjeniege obsiegt, der sich zuerst dazu entscheidet, die Grenzen des anderen zu überschreiten. Aber ich denke sowas passiert jedem ab und zu.
Ansonsten ist es gut zu hören, dass das Saufomobil in guten Händen ist.
Hey Jule,
Siggi und ich denken immer öfter an dich. weil wir doch so dolle vermissen. Wir wünschen dir trotzdem auf diesem Wege viel Erfolg und nur die besten Noten/Auszeichnungen, kA wie man das "da drüben" nennt. Wann biste wieder im Lande, dürfen wir schon Besuchstermine reservieren?
Fühl dich mal kräftig von uns zwei gedrückt. Ganz liebe Grüße,
Maren und Siggi :)
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